Als ich mich entschied, für zehn Monate nach Istanbul zu gehen, war alles noch anders. Wenn ich vor eineinhalb Jahren von diesen Zukunftsplänen erzählt habe, war die Rückmeldung stets euphorisch. Reaktionen, fast genauso wie bei meinem Umzug nach Freiburg. „Ach Istanbul, so eine schöne Stadt“, hörte ich nicht selten, meistens gepaart mit nostalgischer Erinnerung an vergangene Türkeiurlaube und einem Lobgesang auf die türkische Gastfreundschaft. Ein Erasmusaufenthalt war immer mein Wunsch gewesen und Istanbul dann eine dieser Bauchentscheidungen. Alles war noch weit entfernt, alles war einfach.

Vom Urlaubsziel zum Land der Unruhen

Dann kam der Terror: im Südosten der Türkei und auch in Istanbul, auf dem Sultan-Ahmed-Platz, der Istiklal, am Atatürk-Flughafen. So viel Schrecken in so kurzer Zeit und die Blicke bei Gesprächen über die Türkei wurden von Mal zu Mal ernster. Vom Zeitpunkt meiner Entscheidung bis hierher war die Türkei plötzlich für Deutsche nicht mehr länger das Urlaubsland mit Sonne und leckerem Essen, sondern Land der Konflikte. Jetzt gab es keinen Tag mehr ohne Erdoğan, Terror, Böhmermann oder Geflüchtetenabkommen in den Medien.

Währenddessen lernte ich meine ersten türkischen Wörter, las und hörte ständig Neues über mein Reiseziel und entwickelte immer stärkere Neugier und Fragen. Hysterie, Pauschalisierungen und Vorurteile über die Türkei schienen in Deutschland zu wachsen. Und in mir wuchs, vielleicht auch oder gerade deshalb, weiter der Drang, mir mein eigenes Bild von „der Türkei“,„den Türken“ und „dem Islam“ zu machen. Zwei Reisen nach Israel hatten mich gelehrt: Wenn man vor Ort ist, sieht die Welt manchmal gleich ganz anders aus.

Angst vor dem Terror wollte ich nicht haben. Hieß es nicht nach jedem Anschlag, genau jetzt solle man das Leben lieben? Dass man genau jetzt zeigen müsse, dass „wir“ für Freiheit und Liebe kämpfen und weiter tanzen, lachen und studieren? Vielleicht ist das blumige Naivität, vielleicht aber auch eine Einstellung, der Welt zu begegnen. „Vor dem Terror ist man ja momentan nirgendwo mehr sicher“ war das Argument, bei dem die Leute bedächtig nickten. Wer hätte vor einem Jahr mit den schrecklichen Ereignissen in Frankreich, in Belgien gerechnet?

Chaos in Istanbul, Chaos im Kopf

Doch mit dem Putschversuch am 15. Juli bekam die Debatte um meinen Erasmusaufenthalt eine neue Ernsthaftigkeit. Ich legte an diesem Abend gerade sichtlich gestresst meine Lernsachen zur Seite, als die ersten WhatsApp Nachrichten meiner Freunde aufblinkten. „Kriegst du mit, was gerade in der Türkei abgeht???“ Putsch, Panzer, Militärdiktatur – wirre Meldungen, chaotische Bilder, Ticker im Sekundentakt. Ich klickte mich von Webseite zu Webseite, versuchte internationale und auch türkische Medien zu verstehen. In meinem Kopf war aber nur das, was wohl auch in den Straßen Istanbuls herrschte – Chaos. Ich zwang mich selbst, tief durchzuatmen. Je mehr ich las, desto größer wurde mein Gefühl der Ohnmacht und ich spürte, wie die Bilder und Spekulationen mir zusetzten. Mit rauchendem Kopf, Tränen in den Augen und in Gedanken bei dem Land, das mir ohne je dort gewesen zu sein am Herzen lag, schaltete ich Handy und Laptop aus. Ich tat das Einzige, was mir übrig zu bleiben schien: abwarten.

Die nächsten Wochen stürzte ich mich mit angeblichem Tunnelblick in meine Prüfungsvorbereitungen. Wer mit mir über meine Türkeipläne sprechen wollte, erhielt meist ein: „Ich habe gerade keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen“. In Wahrheit begleitete mich die Frage, ob mit dem Putschversuch nun meine Türkeireise vor dem Aus stand, aber Tag und Nacht. Es waren Gedanken der Unsicherheit und Sorge. Und gleichzeitig erschien mir mein Wirbel um alles ein wenig als Luxusproblem: Wenn ich schon so beunruhigt bin, wie muss es den Menschen vor Ort nun gehen? Bei jeder neuen Türkei-Meldung auf dem Handy zuckte ich innerlich zusammen und hoffte inständig: Bitte nichts Schlimmes. Und der Satz einer Kommilitonin, die ihren Erasmusaufenthalt in Istanbul schlussendlich abgesagt hat, hallte lange in mir nach: „Ich frage mich, ab welchem Punkt es einfach nur noch fahrlässig ist zu fliegen. Vielleicht ist es irgendwann auch nur noch eine unvernünftige Trotzreaktion, weil wir das so unbedingt machen wollen.“ War es das vielleicht? Konnte ich meine eigene Unvernunft und Naivität bloß nicht erkennen? Wenn ich mir die etlichen Analysen über die Türkei durchlas, schien es fast so.

Kopftuch, Fahnen und Panzer

Nach dem Putschversuch war die Türkei einmal mehr Thema in Deutschland geworden: in den Medien, beim Mittagstisch, an der Uni. Und langsam aber sicher wurde ich wütend. Darüber, dass jede eine Meinung zur Türkei hatte. Darüber, dass jeder meinte, die Ereignisse dort und mit ihnen die Menschen in der Türkei beurteilen zu können.
In manchen Gesprächen über mein Auslandssemester schien es mir, als sähe mich mein Gegenüber in Zukunft mit Türkeifahne und Kopftuch auf einem Panzer sitzen. Als ich darüber sprach, in Istanbul mit dem Bus zur Universität zu fahren, erhielt ich einmal ein erstauntes „Sowas gibt’s da?“ zurück. Das waren Momente, in denen ich sehr heftig schlucken musste und die mir gleichzeitig zeigten, wie wichtig es ist, den Dialog mit der Türkei nicht abzubrechen. Weil wir alle so wenig voneinander wissen.
Meine Wut über Pauschalisierungen, Vorurteile und „europäische Abgehobenheit“ war eher Bestätigung als Abschreckung: Ich wollte Perspektivwechsel.

Neben nichtssagendem Smalltalk führte ich aber auch gewinnbringende Gespräche: mit guten Freunden, einer Islamwissenschaftlerin meiner Uni, mit Menschen, die die Türkei gut kennen oder selbst vor Kurzem dort waren. Nie war ich so aufgeregt, mit meiner Mutter zu telefonieren, wie vor unserem Gespräch über meine Türkeipläne nach dem Putschversuch. Umso größer die Erleichterung, Verständnis und Unterstützung von ihr und vielen anderen für mich wichtigen Menschen zu bekommen. Vielleicht ist es gerade jetzt wichtig und spannend, bestätigten sie mir. Und letztlich blieb mir der immer wiederkehrende Satz: „Wir können dir die Entscheidung nicht abnehmen. Du musst auf dein Bauchgefühl hören.“
Tagelang versuchte ich also, in mich selbst zu horchen. Aber weder Bauch, noch Herz, noch Verstand wollten mir eine eindeutige Rückmeldung geben. Die Antwort war mehr eine vorwurfsvolle Frage: Wie soll ich mich gegen etwas entscheiden, das ich nicht kenne? Wie soll ich wissen, wie ich mich in der Türkei fühle und was das Leben dort für mich bereithält? Im Zweifel, so mein Urteil also, für das Unbekannte. Mein Bauchgefühl, das wartet in Istanbul auf mich.

Text: Marlene Resch
Foto: Tolga Aksüt
Redaktion: Judith Blumberg