Ein Mord, Kommunismus und jede Menge psychische Abgründe: Ahmet Ümit nimmt seine Leser*innen in “Kar Kokusu” (Schneegeruch) mit in die Wirren der 80er Jahre in der Türkei.

„Unser Genosse Mehmet ist tot!“ Diese drei Worte, die aus Asafs Mund kamen, führten zu einer erschreckenden Stille im Raum. Die im Raum Befindlichen schauten einander mit vor Schreck weit geöffneten Augen an, aber keiner von ihnen fragte etwas. Es verging eine lange Zeit, bis man ein unerwartetes Geschehen, erst recht wenn es ein Tod war, verstand – auch wenn man es hörte.”

(„Mehmet yoldaș öldü!“ Asaf`ın dudaklarından dökülen bü üç sözcük, odada ürkütücü bir sessizliǧe yol açtı. Odadakiler dehșetten fal tası gibi açılmıș gözlerle birbirlerine baktılar ama içlerinden kimse çıkıp da bir șey sormadı. Beklenmedik bir olay, hele de bu bir ölümse, ne kadar açık anlatılırsa anlatılsın, işitilmesiyle kavranması arasındaki süre sıradan bir habere göre daha uzun oluyordu.)

Noch gibt es die Sowjetunion und in der Türkei herrscht eine Militärdiktatur. Junge türkische Idealisten erhalten in Moskau ihre Ausbildung zu Berufsrevolutionären. Derweil wird einer von ihnen ermordet im Schnee aufgefunden. Der Mord führt zu Zweifeln in der Gruppe der jungen türkischen Männer, die sich untereinander nur mit ihren politischen Codenamen kennen und sich fragen, ob dieser Mord politisch motiviert ist und ob sie das nächste Opfer sein könnten. Nicht nur der türkische Geheimdienst MIT, (“Millî İstihbarat Teşkilâtı”/”Nationale Nachrichtendienstorganisation”), sondern auch der KGB (“Komitet Gossudarstwennoi Besopasnosti”/”Komitee für Staatssicherheit”) sind an diesem Fall interessiert. War der Täter ein Konterguerilla, der die kommunistische Revolution in der Türkei verhindert wollte oder war der Ermordete ein türkischer Geheimagent, den der KGB ermordet hat?

Behutsam führt der Schriftsteller Ahmet Ümit die Leser*innen in die Lebenswelt der türkischen Kommunisten ein, die mit Hilfe ihrer russischen Genossen  einen politischen Umsturz in der Türkei herbeiführen sollen und zeigt ein Leben, in dem Ideale und politische Ziele das private Leben der Protagonisten für immer verändern. Wie in einigen seiner Bücher (İstanbul Hatırası/“Die Gärten von Istanbul“, Bab-ı Esrar/“Tor der Geheimnisse“,Olmayan Ülke /“Das Land, das es nicht gab“) taucht der Autor in die psychischen Abgründe der Verdächtigen ein und führt seine Leser*innen in die Irre. Plötzlich kommen alle als Mörder in Frage,  jeder besitzt ein Motiv. Dem Namen des Buches gerecht werdend zeichnet er eine Atmosphäre der zwischenmenschlichen Kälte und gegenseitigen Verdächtigung.

Der 1960 im südostanatolischen Gaziantep geborene Ahmet Ümit thematisiert in diesem Buch Elemente seiner persönlichen Biografie. Lange Zeit war er aktives Mitglied der Türkischen Kommunistischen Partei und studierte illegal in Moskau. Während der Militärdiktatur in den 80er Jahren war er im politischen Untergrund aktiv. Auf Grund dieser Tätigkeiten musste er einige Zeit untertauchen. In der Türkei gilt er als beliebtester Kriminalromanautor und hat zahlreiche Krimis erfolgreich veröffentlicht.

„Kar kokusu“, das Ümit oft als halbautobiografischen Roman bezeichnete, scheint eine Abrechnung mit der Ideologie des Kommunismus zu sein: Eingehend zeigt er die Abgründe zwischen kommunistischen Idealen und innerparteilichen Hierarchien und Machtkämpfen auf und rechnet so mit der Parteibürokratie und autoritären Führungsstilen der TKP (“Türkiye Komünist Partisi”/”Kommunistische Partei der Türkei”) ab. Und wie so oft in seinen Büchern ist der Mörder eine der Figuren, die man als letztes vermutet hätte.

Text: Ilgın Seren Evișen/Masal Levon
Bild:
Marlene Resch


In der Rubrik “Bücher, die Orhan Pamuk nicht geschrieben hat” rezensieren wir unregelmäßig Bücher: Hier geht es zur Kritik von Elif Shafaks “Der Geruch des Paradieses“, hier zur Rezension von  “Evangelio” von Feridun Zaimoglu.