„Benim adım Kinyas. Gün aǧrıyor. Başım aǧrıyor. İsmimi kendime ben verdim. Bitmeyen bir öfke ve bitmeyen bir mutsuzluǧun ifadesi. Bütün insanlara kızgınım. Yaşadıkları için. Hayattan midem bulanıyor.“ („Ich heiße Kinyas. Es schmerzt der Tag. Mein Kopf schmerzt. Meinen Namen gab ich mir selbst. Er ist ein Symbol für meine nie endende Wut und Hoffnungslosigkeit. Ich bin wütend auf alle Menschen. Weil sie leben. Mir ist schlecht vom Leben.“)

Kinyas und Kayra sind Anti-Helden. Die Jungs, vor denen uns unsere Eltern warnten. Die, mit denen wir nicht spielen durften. Sie halten sich nicht an soziale oder kulturelle Regeln, sie brechen das Gesetz und das Überraschendste daran: Sie genießen es nicht. Sie tun es, weil es für sie keinen Sinn ergibt, etwas anderes zu tun. In beiden kommt Nietzsches Übermensch-Gedanke, der jahrhundertelang der europäischen Literatur einen wichtigen Charakterzug ihrer Helden lieferte, zur Geltung. Allerdings kehrt Günday die beiden um – zu türkischen Antihelden, die Produkte der türkischen Gesellschaft und ihrer Abgründe sind, aber sich nicht zu ihnen bekennen. Sie lösen sich aus allen Systemen – Familie, Universität, Staatsbürgerschaft – los, aber zerbrechen auch daran. Kayra und Kinyas reflektieren das ganze Buch über die Systeme dieser Welt. Politische und philosophische Entitäten wie Kommunismus, Kapitalismus oder Anarchie und kommen zu dem Schluss, dass es für den Menschen kein ideales System gibt. Denn er ist ein nur ein Vulkan, der jederzeit explodieren kann. Kein System kann ihn abbilden und auffangen. Der Autor springt von ihrem Innenleben, das Leser fasziniert und wegen der Brutalität und Normabweichungen zugleich anwidert, zu ihren alltäglichen kaputten Interaktionen mit Menschen.

Sex, Pizza und Schizophrenie

Kinyas und Kayra befinden sich in Mexiko. Sie wollen den dortigen Präsidenten töten. Es geht ihnen nicht darum, ein politisches System zu zerstören. Sie möchten die Absurdität von Wahlen aufzeigen. Kein Mensch darf gewählt werden, ist ihre Devise.
Während ihres Aufenthaltes verbringen sie ihre Zeit mit Sex, Drogen, Whisky und Pizza. Kinyas ist ein Frauenheld. Er verführt zahlreiche Frauen. Sie verlieben sich in ihn, denn er ist galant. Bis er Sex mit ihnen hatte. Dann folgt für ihn der zweite Part der Befriedigung: psychische und physische Quälereien. Er schlägt die Frauen und verlässt jedes seiner Opfer, um im Wohnzimmer Zigaretten zu rauchen und Whisky zu trinken. Kayra eilt den schreienden Opfern zu Hilfe und entschuldigt sich bei ihnen: „O hasta. Çok hasta. Ne yaptıǧını bilmiyor. Hayata geldiǧi için senden özür diliyorum. O çok hasta…“ („Er ist krank. Sehr krank. Er weiß nicht, was er tut. Ich entschuldige mich bei dir dafür, dass er geboren wurde. Er ist sehr krank…“
Er streichelt ihnen die Haare und bittet sie, ruhig zu bleiben, damit Kinyas nicht noch mehr auf die einschlägt. Doch Kinyas erinnert sich nicht an seine Opfer noch an ihre Schmerzen: „Ben, Kinyas dünyaya düşünmeye geldim. Her şeyi hayal etmeye geldim. Çektiǧim ve çektirdiǧim bütün acılar beni havada tutan balonu şişirmeye yarıyor. Ben hiçbir şey bilmiyor ve hissetmiyorum. Sadece hayalimde yaşıyorum dünyayi. Canlarını aldıǧım insanları tanımıyorum. Hatırlamıyorum. („Ich, Kinyas, kam auf die Welt, um zu denken. Um mir alles einzubilden. All die Schmerzen, die ich erlitt oder anderen zufügte, dienen nur dazu, den Ballon, der mich auf der Luft hält, aufzupumpen. Ich weiß nichts und ich fühle nichts. Nur in meinem Traum erlebe ich die Welt. Die Menschen, deren Leben ich nahm, kenne ich nicht. Ich erinnere mich nicht an sie.“)

Die wenigen zwischenmenschlichen Kontakte, die losen Bekanntschaften gleichen, haben sie zu bekannten Figuren der türkischen Unterwelt: Drogendealern wie dem Transvestiten Mümtaz Baba oder dem Zuhälter und Mörder Arif.
Sie haben Sex, um sich abzulenken. Dabei steckt sich Kayra mit Aids an, als er eine Prostituierte findet, die eine „+“-Tätowierung auf ihrer Schulter hat. Sie gesteht ihm die Bedeutung des Symbols, ihre Erkrankung. Das erste Mal bekommt er romantische Gefühle, denn in seiner Fantasie formt er sie zum Todesengel Azrael. Infiziert mit AIDS wird Kayra nun selbst zum Todesengel, der viele Prostituierte ansteckt. Kinyas verlässt Kayra und hinterlässt nur eine Notiz: „Gidiyorum“ („Ich gehe“). Während Kayra den Moment beschreibt, in dem er im Kino sitzend derart schlimme Kopfschmerzen bekommt, dass er eine Spaltung von Realität und allem „Normalen“ spürt, fragt sich der Leser: Ist das der Moment, in dem Kayra Kinyas oder Kinyas Kayra erschaffen hat? Kann ein ganzes Buch, 527 Seiten, das die Welt abwechselnd aus der Sicht von Kayra und dann wieder Kinyas beschreibt, wirklich nur von Kayra oder Kinyas geschrieben worden sein?

Von psychischen Abgründen und dem Ekel vor der Welt

Und wer steckt hinter „Kinyas und Kayra“? Hakan Günday, Jahrgang 1976, ging in Brüssel zur Schule. Er studierte in der Türkei und in Belgien: Sprachen und Politikwissenschaft. „Hakan Günday war von Anfang an eine der größten literarischen Überraschungen. Und noch immer überrascht er uns mit jeder geschriebenen Seite.“ schreibt die Milliyet über ihn. Für sein 2015 veröffentlichtes Buch „Daha“ bekam er den französischen Literatur-Preis Prix Médicis étranger.
Gündays Werke durchziehen Assoziationsketten verschiedener Epochen, Philosophen und politischer Ereignisse, angereichert mit Landschaftsbeschreibungen der psychischen Abgründe beider Hauptfiguren.Sein Schreibstil ist sprunghaft, assoziativ, er jongliert mit den Gefühlszuständen von Kinyas und Kayra. Seine Bücher erwecken den Eindruck, dass er den Ekel vor der Welt erbrechen und literarisch bearbeiten möchte. Befragt nach der Brutalität seiner Bücher, äußerte Günday in Interviews, dass gute Literatur wehtun müsse und so überrascht es nicht, dass seine Werke die Leser*innen an ihre Grenzen bringen. Es fällt schwer zu folgen. Immer muss man auf der Hut sein, sich konzentrieren und aufpassen, welcher Abgrund sich als nächstes auftut. Bis der oder die Lesende aufgibt und beschließt, mit Kayra zu verschmelzen und die Welt aus seiner Warte aus wahrzunehmen…

Text: Ilgın Seren Evișen/Masal Levon
Bild: Ilgın Seren Evișen, Doğan Kitap 


In der Rubrik “Bücher, die Orhan Pamuk nicht geschrieben hat” rezensieren wir unregelmäßig Bücher: Hier geht es zur Kritik von Elif Shafaks “Der Geruch des Paradieses“, hier zur Rezension von  “Evangelio” von Feridun Zaimoglu.