Im Film setzen die Geigen immer an der richtigen Stelle ein. Wenn die Sonne untergeht und die Liebenden am Strand einander tief in die Augen schauen, beginnt die Musik die Gefühle um ein Zehnfaches zu intensivieren und die Umgebung mit ihnen verschmelzen zu lassen. Das Rot der Sonne wirkt röter, das Wasser bewegt sich im Rhythmus und sogar das Dühnengras wiegt sachte, man könnte fast meinen glücklich, im Wind. Wenn es doch auch im wirklichen Leben so wäre…
Auf StudiVZ, einem sozialen Netzwerk, das in Deutschland benutzt wurde, bevor Facebook bekannt wurde, gab es die Gruppe “Mein Leben sollte einen Soundtrack haben”.

Man könnte denken, die irische Künstlerin Fiona Hallinan war Mitglied dieser Gruppe, oder hat zumindest mit der Mitgliedschaft geliebäugelt: Sie hat mit ihrem Kunstprojekt “Heterodyne” inzwischen drei sehr unterschiedlichen Wegen Liedstücke verpasst, die eigens für eben diese komponiert wurden.  Zum einen ist das eine Autostrecke auf der Military Road in Wicklow, Irland, dann, auch in Irland, ein Fußweg über die “Living Bridge” in Limerick und zum dritten ist das die Fährfahrt von Eminönü nach Kadiköy in Istanbul.

Mit einer App kann man Fionas Kunstprojekt erleben. Dazu braucht man Handy und Kopfhörer, steigt in die Fähre in Eminönü ein und lässt die Musik, die direkt auf die Strecke und Impressionen dieser Strecke abgestimmt ist, spielen. Und der Kniff an der Sache ist, die Musik lässt sich nur in einem Radius von 50km zur Strecke selbst abspielen. “Das war bei der Entwicklung der App eine schwierige Entscheidung”, meint Fiona. “Natürlich will man, dass sich so viele Menschen wie möglich die Musik, die man entwickelt, anhören. Und wir leben in einem Zeitalter, in der die Technologie uns das Gefühl von Unbegrenztheit gibt. Doch diese App benötigt die Einschränkung um zu funktionieren.” Denn eben die Verortung der Musik in der gewählten Strecke macht das Projekt ja aus. Es geht darum, die Wahrnehmung für eben diese Strecke durch die Musik zu schärfen, zu ändern. “Die Fahrt über den Bosporus ist für viele Menschen Teil des Weges zur Arbeit. Sie ist Alltag. Und mir geht es darum, das, was wir als gewöhnlich betrachten, erneut hervorzuheben und aus der Unsichtbarkeit wieder ans Licht zu bringen.”  Durch Musik versucht sie, den Hörer in eine andere Beziehung zu seiner Umwelt zu setzen, er soll die Umgebung neu wahrnehmen.

Fiona Hallinan macht die Musik nicht selbst. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Komponisten zusammen, die mit den Strecken vertraut sind. Gleichzeitig gibt Fiona ihnen Foto- und Videomaterial, beschreibt, was sie auf dieser Strecke sieht und wie sie diese wahrnimmt und lässt dann den Komponisten freie Hand. Das Bosporus-Stück hat der Musiker Peter Broderick komponiert. Als Fiona Hallinan die Musik dann zum ersten Mal auf der Fähre hörte, war sie begeistert: “Es ist ein Stück, das das Gefühl und den Rhythmus dieser Überfahrt melodiös interpretiert. Die Hektik, die die Menschen von dem Tempo der Großstadt in die Fähre mitbringen, und dann die Ruhe, die entsteht, wenn das Schiff den Anleger verlässt.” Die Dynamik der Musik verändert sich mit dem Voranschreiten der Überfahrt, wellenartig steigt die Spannung an und fällt wieder. Wie die Möwen, die um die Boote herumschwirren, sich von der Luft tragen lassen und sich hin und wieder ins Wasser stürzen.

Für Fiona Hallinan hat die Reise an sich eine wichtige Bedeutung. “Wir definieren das Unterwegs-Sein als die Fortbewegung von einem Ort zum anderen. Die Reise ist der Zwischenzustand. Und diesen Zwischenzustand erachten wir oft als unwichtig, nehmen ihn nicht aktiv wahr. Dabei ist er häufig bedeutungsvoller und wichtiger als das Ziel selbst.” Das Projekt Heterodyne macht die Reise zur Hauptsache, der Zwischenzustand soll mithilfe der Musik für eben diese Reise verschärft wahrgenommen werden.
Als symbolischer Zwischenzustand ist die Strecke über den Bosporus für die Künstlerin besonders attraktiv: Zwischen zwei Landmassen, zwischen zwei Kontinenten, zwischen Ost und West bewegt sich die Fähre hin und her. Gleichzeitig vermittelt die Reise über das Wasser Ruhe und Weite inmitten der Hektik und Schnelllebigkeit der Millionenstadt. Man setzt sich, trinkt einen Tee, schaut auf das Wasser und tritt für einen Moment hinaus aus allem, was um einen herum lärmt und schwirrt.

Mit der Musik des Heterodyne-Projektes kann man die Überfahrt von Eminönü nach Kadiköy auf eine andere Art aufs Neue entdecken. Und vielleicht ist diese Musik ja so etwas wie eine Version des Soundtracks des Bosporus’.


Bilder: Shantanu Starick