Er sitzt gemütlich auf einem Stuhl mitten im Saal. Die Augen halb geschlossen, der Mund halb offen. Die ersten Töne bahnen sich ihren Weg aus seinem Inneren und füllen den Raum. Er singt voluminös, seine Stimme lässt alles für einen kleinen Moment erstarren. Die wenigsten der vielleicht 20 anwesenden Zuhörenden sind auf solch eine Wucht vorbereitet. Wir sind überwältigt, der im tiefsten Schwarz gekleidete Mann lässt uns für einige Momente die Zeit vergessen.

Dieser singende “Man in Black” ist nicht etwa der wiederauferstandene Johnny Cash, sondern Ahmet Akkaya. 1966 in Mersin an der türkischen Mittelmeerküste geboren, formt sich in Ahmets Kopf schon früh ein Berufswunsch: Er will Musik machen. “Ich ging noch zur Grundschule, als ich die heilende Wirkung der Musik entdeckte”, sagt er. Sein erstes Instrument, die Bağlama (türkische Saz), verkörpert für ihn Heimat und “Töne aus einer anderen Zeit”, Künstler wie Neşat Ertaş, Aşık Veysel oder Mahsuni prägen Akkaya in jungen Jahren.

_DSC0239-iloveimg-cropped

1978, als Akkaya zwölf Jahre alt ist, emigriert er mit seiner Familie nach Deutschland. Sein Vater wünscht sich eine gute Ausbildung und ein stabiles Leben für ihn, doch Ahmet hat anderes im Sinn: Schon bald nach der Ankunft in Herford wendet er sich wieder der Musik zu. Über das Piano findet Akkaya einen neuen Zugang zur Musik. Ein neues Land, eine neue Sprache, eine neue Kultur und ein neues Instrument. Das Ablegen der Bağlama und den Übergang zum Klavier betrachtet er im Nachhinein als symbolisch für den Prozess seiner persönlichen Veränderung und die versöhnliche Annahme einer neuen Identität: “Ich wollte universelle Musik machen, mit dem Piano hatte ich die Möglichkeit mich frei zu entfalten.”

Er komponiert, schreibt, spielt und singt selber – ein Multitalent mit großen Träumen. 1984 führt ihn die Liebe in das geteilte Berlin. Eine Stadt in Aufruhr und Veränderung, ein leicht düsteres und doch unglaublich starkes und lebendiges Fleckchen Erde, wird zu seiner Muse. Knapp sechs Jahre verbringt er in Berlin und singt als Solist der von Ünal Yüksel arrangierten Gruppe Orient Express. Mit ethnisch orientierter Funk-Musik treten sie in vielen verschieden Clubs der Berliner Szene auf. Sein musikalischer Weg führt ihn von Herford über Hamburg, Berlin und Pforzheim schließlich 1994 nach Istanbul.

“Ich kam in Levent an und fragte Passanten auf der Strasse nach Plattenfirmen.”

“Ich kam in Levent an und fragte Passanten auf der Strasse nach Plattenfirmen. Ein Junge schickte mich dann in das Studio von Fuat Güner und Taner Öngür”, erinnert sich Akkaya. Fuat Güner, ein Mitglied der bekannten und sehr beliebten türkischen Pop-Rock Band MFÖ, ist beeindruckt von dem mutigen Sonderling und seiner Musik. Schon Ende 1994, einige Wochen nach seiner Ankunft in Istanbul, hat er einen Plattenvertrag beim renommierten Plattenlabel RAKS in der Tasche. Sein erstes Album, für die damalige Türkei sehr experimentell und ungewohnt, kommt beim Publikum erstaunlicherweise sehr gut an. Sein Song “Ah Canım” führt zu seinem allseits bekannten Spitznamen “Ah Canım Ahmet”. Er wird zu einem der ersten Deutsch-Türken, die sich mit ihrer aus fremden Ländern mitgebrachten Musik Gehör und Aufmerksamkeit verschaffen. Auf das erste Album “Ah Canım Vah Canım” folgen die Alben “Ahmet 2” (1996) und “Aşık” (1998).

Bildschirmfoto_2017-03-01_um_20.05.27

Lange pendelt er zwischen Deutschland und Istanbul, bis er sich 2007 endgültig in Istanbul niederlässt. Als ich ihn in seinem neu eröffneten italienischen Restaurant in Gümüşsuyu besuche, lässt er ab und an seinen Blick über die Aussicht des Bosporus schweifen und lächelt zufrieden. Er scheint bei sich selbst angekommen zu sein.
Seine neue Single “Hey Istanbul”, welche er bei der Versammlung des deutsch-türkischen Rückkehrer-Stammtischs vorgetragen hat, soll bald veröffentlicht werden, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. “Es liegen viel Arbeit und Leidenschaft in dieser Single”, meint Akkaya.

Wer Ahmet Akkayas “Ah Canım” mal wieder hören möchte oder es vielleicht noch nicht kennt, kann es hier finden.


Mit deutsch-türkischer Musikgeschichte und der Bağlama haben wir uns bereits in “Du bist, wozu du tanzt” beschäftigt. Oder bei unserem “Keep calm and feel Arabesk”-Event, dessen Highlights wir hier festgehalten haben.

 

Text und Fotos: Neslihan Yakut
Redaktion: Jonas Wronna