Überschwängliche Saitenklänge, sattes und grooviges Schlagwerk, der Klang der elektro saz sowie dramatische und leidvolle Texte, die mit Schluchzern und Seufzern gespickt sind – das sind die wesentlichen Elemente der türkischen Arabeske. Begleitet von rakı und einer Zigarette ist diese Musikrichtung das ultimative Aspirin gegen jedes Gefühl von Kummer, Herzschmerz und Einsamkeit.

Angefangen in den 70ern dröhnen noch heute Songs von Arabeske-Stars wie Orhan Gencebay und İbrahim Tatlıses aus dem dolmuş, den Taxen und Cafés. Gleichzeitig wurde das Genre von der türkischen Elite abgelehnt und galt sogar als verhasst. Arabeske wurde als zu östlich, zu fatalistisch, passiv und billig betrachtet. Die Debatte über das Genre greift einige der kontroversen Schlüsselelemente der gegenwärtigen türkischen Geschichte auf: Ost und West, Stadt und Provinz, Modernität und Tradition sowie Schmerz und Freude prallen in der türkischen Arabeske aufeinander.

Anhand fünf charakteristischer Songs hangeln wir uns am Aufbruch, der Kontroverse und den herausstechenden musikalischen Elementen entlang, die dieses faszinierende und oft missverstandene Genre der türkischen Musik beschreiben.

Gurbetçiler

Hinter den Schluchzern und dem Drama, die in der Stimme der Arabeske fortwährend mitschwingen, steckt wahre Verzweiflung. Die Songtexte handeln oft von gebrochenen Herzen, Trennung zwischen Liebenden und Gefühlen der Entfremdung. Beispiele für häufig auftretende Begriffe sind yar (Geliebte*r), felaket (Desaster) oder hüzün (Melancholie).

Gurbet (Ferne oder Nicht-Heimat)* ist wahrscheinlich das Schlagwort in der Arabeske. Die Entwicklung des Genres kann als Ergebnis von Migration und Trennung betrachtet werden. Während den 50ern und 60ern zogen Millionen von Türk*innen aus den zentral- und ostanatolischen Dörfern in die urbanen Zentren der Türkei. Sie wurden oft als Fabrikarbeiter*innen in der florierenden Industrie von Istanbul, Ankara und Izmir eingesetzt, wo sie sich oft in gecekondular niederließen, illegal erbaute Siedlungen, die zu ganzen Vierteln anwuchsen. Die Lebensbedingungen waren hart und die Siedlungen wurden oft willkürlich abgerissen. Von ihrer Heimat getrennt, fühlten sich viele gurbetçiler entfremdet und sehnten sich nach ihren Familien und Dörfern.

Die ersten arabesken Stars waren selbst Migrant*innen. Orhan Gencebay zog von Samsun nach Istanbul und Müslüm Gürses sowie İbrahim Tatlıses wurden in Şanlıurfa geboren, im fernen Südosten der Türkei. Daher ist es nicht überraschend, dass ihre dramatischen Lieder über Heimweh und Trennung bei der Gemeinde in den gecekondular den richtigen Nerv trafen.

Eines der berühmtesten Beispiele der Songs über Trennung und Arbeitsmigration ist gurbet treni von İbrahim Tatlises.

Hier der Songtext:

İbrahim Tatlıses – Zug in die Ferne

Wir waren so glücklich zusammen
Warum haben wir uns getrennt
Der teuflische Zug in die Ferne
Hat dich von mir genommen

Ich habe keine Geduld mehr
Erstarre, komm Zug in die Ferne
Bring mir eine Nachricht
Von meiner Geliebten, Zug in die Ferne
Mildere die Sehnsucht in mir
Zug in die Ferne
Lösch das Feuer in mir
Zug in die Ferne

Jahre sind vergangen
Und keines hat mir eine Nachricht gebracht
Der Zug in die Ferne ist erstarrt
Warum ist meine Geliebte nicht gekommen

Ich habe keine Geduld mehr
Erstarre, komm Zug in die Ferne
Bring mir eine Nachricht
Von meiner Geliebten, Zug in die Ferne
Mildere die Sehnsucht in mir
Zug in die Ferne
Lösche das Feuer in mir
Zug in die Ferne

Arabeske zwischen Fernost…

Während Arabeske in den gecekondular gefeiert wurde, galt es in der kulturellen Elite der Türkei als regelrecht verhasst. Sie betrachtete die Musikrichtung als ein Ausdruck der östlichen Kultur und glaubten, dass es ein Angriff gegen die modernen, westlichen und säkularen Werte der Türkei war. Die arabesken Songtexte standen in ihren Augen für eine passive, pessimistische und sogar fatalistische Denkweise aus dem Osten.

Nachdem im Jahre 1923 die Türkische Republik gegründet wurde, versuchte die Regierung, die türkische Gesellschaft zu verwestlichen. Berühmte Beispiele aus dieser Zeit sind die Durchsetzung des lateinischen Alphabets, oder das Einführen des Zylinderhuts anstelle des osmanischen Fes. Die Reformen nahmen hier jedoch kein Ende. Auch im kulturellen Bereich versuchte die junge Republik, ihre Bürger dem Westen anzunähern. An Musikhochschulen nahmen europäische Musikrichtungen überhand und der Staat förderte westliche Genres wie Jazz, Tango und diverse Symphonieorchester. Während einer kurzen Zeitspanne in den 30ern wurde klassische osmanische Musik aus den nationalen Radiosendern sogar gänzlich verbannt.

Dieser Versuch der Verwestlichung war allerdings kein herausragender Erfolg. Viele Türk*innen schalteten auf arabische Radiosender um oder hörten ägyptische Filmmusik. Einer der Gründe für die immense Popularität von Arabeske war, dass es Elemente aus dem Osten beinhaltete, was im staatlichen Rundfunk tabu war. Eines der schönsten Beispiele für arabische Orchesterelemente und Perkussion ist der folgende Song von Orhan Gencebay, der für viele als der Gründer von Arabeske gilt.

 

… und dem Westen

Obwohl die kulturelle Elite der Türkei Arabeske als billig und zurückgeblieben kritisierte, ist das Genre eigentlich – laut dem Musikologen Martin Stokes –„Musik aus der Stadt und für die Stadt“. Die Arabeske war immer offen für diverse exotische Einflüsse, neue Aufnahmetechniken und Innovationen aus der Musikindustrie. Obwohl Orhan Gencebay als der Gründer von Arabeske bezeichnet wird, lehnt er die Bezeichnung für das Genre ab. Er betont, dass die Musikrichtung zwar Inspiration aus dem arabischen Raum zieht, aber auch aus der westlichen Popkultur, diversen mediterrane Stilen und sogar indischer Filmmusik.

Laut Gencebay ist seine Musik „freie“ Musik, die sich aus verschiedenen, einheimischen türkischen Genres zusammenstellt. Und frei, kosmopolitisch und vielschichtig ist diese Musik allemal.

Batsın bu dünya ist eines der besten Beispiele für die Freiheit, die Gencebay in seiner Musik verwendet. In diesem düsteren Song verflucht er die Ungerechtigkeit der Welt. Gencebay verwendet verschiedene makam, spezielle Tonleitern, die in der klassischen osmanischen Musik verwendet wurden, und kombiniert diese mit westlichen Pop-Progressionen. Der vielschichtige Charakter dieses Songs offenbart sich durch die Kombination der elektro saz (eine verstärkte Laute mit Effekten), der Flamenco-Gitarre und Synthesizern.

Popularisierung

Die negativen Kritiken, die Arabeske von der kulturellen Elite erfahren hat, konnten der wachsenden Popularität nichts entgegensetzen. Das bevorzugte Medium dieses Genres waren Audiokassetten:  Ihr Umsatz schoss in den 70ern und 80ern dramatisch in die Höhe. Es war fast unmöglich, dieser Musik zu entkommen. Filme zeigten Stars aus der Arabeske-Szene; in den Taxen, meyhane und den dolmuş wurde Arabeske rauf und runtergespielt.

Der einzige Arabeske-freie Raum war TRT, der staatliche Fernseh- und Radiosender, der das Bollwerk für die republikanischen und kulturellen Werte darstellte. Die Wucht, mit der Arabeske die Musikwelt eroberte, war trotzdem nicht aufzuhalten. Turgut Özal, der als amtierender konservativer Ministerpräsident in den 80ern selbst ein großer Fan von Arabeske war, spielte die Musik während seinen Wahlkampagnen von 1983 und war eng mit verschiedenen Arabeske-Stars vernetzt. Während den 80ern erschienen Musiker zum ersten Mal in den Öffentlich-Rechtlichen, und als 1990 der Rundfunk liberalisiert wurde, flutete Arabeske über Radiowellen und Kabelbündel in sämtliche Wohnzimmer.

Berühmte türkische Künstler*innen begannen, das Genre zu akzeptieren. Erkin Koray, einer der Pioniere des Genres Anadolu Rock, war ein großer Fan von Orhan Gencebay und brachte diverse arabeske Singles heraus.

Mein Lieblingssong von ihm ist şaşkın, ein Lied, das auf arabischen Klängen beruht. Die tiefe Perkussion, Stimmenechos und die überschwänglichen Saitenklänge kreieren eine regelrecht hypnotisierende Stimmung.

 

Deutsche gurbetçiler

Die Popularität des Genres bei den Arbeitsmigrant*innen in den türkischen Metropolen zog es mit sich, dass der Erfolg nicht an den türkischen Grenzen Halt machte. Viele Türk*innen zogen nach Europa; vor allem Deutschland wurde das Zuhause für Millionen Gastarbeiter*innen aus der Türkei. Sämtliche türkische Immigrierte begannen, selbst zu musizieren und sangen über die Hürden, die das Leben als Türk*in in Deutschland mit sich brachte. Eines der bekanntesten Arabeske-Labels, Türküola Müzik, wurde sogar in Deutschland gegründet.

Die exzellente Zusammenstellung des Albums Songs of Gastarbeiter – Vol.1 beinhaltet wundervolle Songs, die von deutschen und türkischen Künstler*innen gemeinsam produziert und veröffentlicht wurden. Mein Favorit auf diesem Album ist Almanya Dönüşü (Rückkehr aus Deutschland) von Zehra Sabah, ein wundervolles Beispiel dafür, wie eine Geschichte über schmerzvolle Trennung in gefühlvoller Art ausgedrückt werden kann, dabei aber von einem tiefen Beat und einer stürmischen elektro saz begleitet wird.

Die Wiederentdeckung

All diese Lieder zeigen, dass Arabeske ein sehr innovatives, diverses und buntes Genre ist, das Elemente aus westlichem Pop mit türkischer traditioneller Musik sowie Einflüssen aus der arabischen Welt und Indien kombiniert. Es kann langsam, schleppend und melancholisch klingen, vereint aber gleichzeitig den Schmerz mit tanzbarem, ja flippigem Schlagwerk.

Der innovative Charakter verwehrt die Bezeichnung des Genres als veraltet oder überholt: DJ’s haben  das tanzbare Potenzial von Arabesk längst erkannt und legen Songs von Orhan Gencebay und anderen Arabesk Stars neu auf. Nebenbei steigt der Wert für Originalplatten drastisch.

Zum Ausklang  Bir ateşe attın beni von Kamuran Akkor, ein Re-Edit des DJ’s Kozmonot (Osman Başaran):

Text: Rik Binnendijk
Übersetzung: Yasemin Bodur

 

* Anmerkung der Redaktion: Gurbet ist eine kleine übersetzerische Herausforderung. Er beschreibt die Sehnsucht, die man verspürt, wenn man der eigenen Heimat fern ist, und ist gleichzeitig die Ferne selbst. Eine genauere Erklärung findet ihr hier.